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January 2000 Newsletter Supplement

Malta und die Deutschen - ein Überblick (Gerhard Kunz)
Malta and the Germans - a synopsis (Gerhard Kunz)
Helgoland (Dieter Salto)


Malta und die Deutschen - ein Überblick
Gerhard Kunz


Der erste Deutsche, der in die Annalen von Malta einging, war Großmeister Ferdinand von Hompesch, der 1798 vor Napoleon kampflos kapitulierte und eine zweijährige französische Herrschaft über Malta ermöglichte, bevor dann die Briten für einen ungleich längeren Zeitraum das Kommando übernahmen. Über die tragische Gestalt des letzten Großmeisters ist viel publiziert worden, deshalb ist er hier nur als Merkposten aufgeführt. Was oder wer aber kam danach?

Längere Zeit finden sich in den Chroniken keine deutschen Namen. Im Jahre 1832 wurde aber erstmals ein deutsches Wahlkonsulat in La Valletta errichtet. Zu Anfang war der Posten mehrmals vakant; von 1845 an war er insgesamt 54 Jahre lang fest in den Händen der maltesischen Kaufmanns-familie Ferro (Raphael, Henry Charles und Edward Ferro). Als ein Enkel des Raphael Ferro die Familientradition fortsetzen wollte, befand der deutsche Botschafter in London diesen nicht für geeignet, weil die Firma Ferro nicht mehr wie zuvor florierte. 

Dies war die Stunde des Freiherrn Maximilian Tucher von Simmelsdorf, eines pensionierten bayerischen Offiziers, der aus gesundheitlichen Gründen auf Malta wohnte und das Amt mangels anderer Kandidaten zunächst kom-missarisch übernahm. Im Januar 1900 wurde von Tucher dann von Kaiser Wilhelm II. zum Konsul in La Valletta ernannt. Aus seiner Amtszeit ist überliefert, daß der Konsul sich auch auf "nachrichtendienstlichem" Gebiet betätigt haben soll. So gelangten damals Karten von britischen Militäranlagen und Berichte über Schiffsbewegungen in die Hände der Reichsregierung.

Noch vor der Jahrhundertwende (15.-17.11.1898) besuchte Kaiser Wilhelm II. von Palästina kommend erstmals Malta, als er in Begleitung seiner Gattin Auguste Victoria mit der Jacht "Hohenzollern" auf einer Urlaubsreise war. Da das kaiserliche Paar inkognito reiste, fiel der Empfang mit nur zwei Torpedo-Zerstörern eher bescheiden aus. Wilhelm II. interessierte sich vor allem für die britischen Schlachtschiffe und die Hafenanlagen.

Vom 9. bis zum 12. April 1904 machte die "Hohenzollern" erneut im Marina Harbour fest. Dem Kaiser, der dieses Mal allein reiste und sich von einer Krankheit erholen wollte, wurde ein großartiger Empfang bereitet: 13 Panzerkolosse sowie etliche Panzerkreuzer und kleine Kreuzer geleiteten die Jacht in den Hafen; von den Barracca Gardens verfolgten die Malteser dichtgedrängt das Spektakel. Seine Majestät zeigte sich beeindruckt von der Flotte: "Haltung der Schiffe sowie der Mannschaften in Booten und an Land für englische Verhältnisse ungewöhnlich stramm und gut", telegrafierte er nach seiner Ankunft nach Berlin. 

Konsul von Tucher verfaßte damals einen ausführlichen Bericht über den Besuch Seiner Majestät. Demnach war sogar ein Todesfall zu beklagen, und das obwohl die inselbekannten spanischen Messerstecher, Gastarbeiter beim Bau des Wellenbrechers vor dem Hafen von Valletta, zuvor vorsichtshalber inhaftiert worden waren: Ein Matrose fiel beim nächtlichen Übersetzen über Bord und ward nicht mehr gesehen ... Seine Majestät hielt am folgenden Sonntag die Trauerpredigt, die den Konsul mächtig ergriffen zu haben scheint. So steht es jedenfalls in seinem Bericht.
Die Malteser waren aus einem ganz anderen Grund mit dem Ablauf des kaiserlichen Besuches unzufrieden, wie ein anonymer Leserbrief beweist: " ... durch Schuld der verantwortlichen Behörden [sind die Malteser] nicht imstande gewesen ..., ihre Dankbarkeit dem Kaiser Wilhelm gegenüber zu bezeigen, für die hohe Ehre und das Privilegium, welche Seine Majestät der Insel erwiesen durch den Besuch dieser Gestade." Auch der Konsul selbst merkte kritisch an, daß Malteser Prominenz, insbesondere der Adel, so gut wie überhaupt nicht einbezogen worden und das Programm ohne sein Mitwirken aufgestellt worden war.

Der dritte und letzte Besuch des Kaisers fand im Mai 1909 statt. Wilhelm II. und Gattin liefen auf der Rückreise von Korfu mit der kaiserlichen Jacht Hohenzollern für einen Tag Malta an, um blaublütige Verwandte zu besuchen. Der damalige britische Hochkommissar für den Mittelmeerraum, der Herzog von Connaught, war nämlich ein Onkel des Kaisers. Schon Tage vorher berichtete die Zeitung "The Daily Malta Chronicle" über das bevorstehende Ereignis und beschrieb dann den Ablauf des Besuchs in allen Einzelheiten. Die Malteser empfanden es wieder als große Ehre, den Kaiser begrüßen zu dürfen. Damals ahnte wohl keiner, daß man sich bald im Ersten Weltkrieg gegenüberstehen würde, wenn auch Malta vom Kriegsgeschehen verschont blieb.

Vier Jahre nach Kriegsende strebte das Auswärtige Amt auf Wunsch aus Handelskreisen die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Malta an. Dabei hatte natürlich London das letzte Wort. Die ersten Kandidaten für das Wahlkonsulat, zunächst der Kaufmann Edgar Arrigo, der auch Sprecher der Abgeordnetenkammer von Malta war, und später Louis Bianchi, der wie Arrigo Mitglied der Firma "The Mercantile, Shipping & Coaling Company Bianchi & Co." war, waren dann auch tatsächlich der britischen Regierung nicht genehm. Grund dafür war offenbar eine zu deutschenfreundliche Haltung der Firma im Ersten Weltkrieg. Erst nachdem die Gegner des Louis Bianchi auf Malta gestorben waren, legte sich das Mißtrauen der Briten. Im Juni 1928 konnte der deutsche Reichspräsident Hindenburg ihn zum deutschen Wahlkonsul in La Valletta ernennen.

Durch den Zweiten Weltkrieg, der Malta die zweite große Belagerung (nach der der Türken 1565) bringen sollte, wurden die Beziehungen zwischen Malta und Deutschland erneut unterbrochen. Erst im Jahre 1954 konnte das Wahlkonsulat mit Elias Zammit, einem Fabrikdirektor und Präsidenten der Federation of Malta Industries, wieder errichtet werden. Nach der Unabhängigkeit Maltas wurde 1965 die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Valletta eröffnet. 

Schon zuvor war 1962 auf Initiative maltesischer Privatpersonen der Deutsch-Maltesische Zirkel aus der Taufe gehoben worden; er wurde zum Nukleus deutsch-maltesischer Begegnunges und ist praktisch ein - ehrenamtlich geführtes - Goethe-Institut, von dem es Lehrauftrag und Prüfungslizenz erhielt. Für die Verdichtung der deutsch-maltesischen Beziehungen spielte in der Folgezeit die Ansiedlung zahlreicher deutscher Betriebe - heute über 40 - eine ebenso tragende Rolle wie die "friendly invasion" deutscher Urlauber und Sprachstudenten, die heute mit über 200.000 das zweitgrößte Touristenkontingent darstellen. 

Erinnerungen an die leidvollen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sind für die Malteser - wenn auch noch lebhaft vorhanden - inzwischen Geschichte geworden. Ressentiments gegenüber den heutigen Deutschen bestehen erfreulicherweise keine mehr.

1976 begann mit dem Malta-Besuch des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt eine lange Reihe von gegenseitigen offiziellen Besuchen; u. a. weilten auch die Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Klaus Kinkel in Malta. 
Bisheriger Höhepunkt des Besuchsaustausches war der Staatsbesuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Oktober 1990 kurz nach der Wiedervereinigung, die in Malta mit viel Sympathie begrüßt wurde. Der maltesische Premierminister Fenech Adami war übrigens der erste ausländische Staatsmann, der nach dem Fall der Mauer durch das Brandenburger Tor zog. Der Bundespräsident knüpfte damals zumindest in einem Punkt an die kaiserlichen Besuche an: Wie Wilhelm II. pflanzte er im Park des San Anton Palastes einen Baum.

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Malta and the Germans - a synopsis
Gerhard Kunz
(TRANSLATION)


The first German who went down in the history of Malta was Grandmaster Ferdinand von Hompesch, who in 1798 surrendered without a fight to Napoleon and enabled a two-year rule of the French over Malta, until the British took command for a much longer period of time. Due to the fact that many writings had already been published about the tragic figure of the last grandmaster, he is only mentioned here as a reminder. But who or what followed afterwards?
German names have not appeared in the chronics for a very long time. In 1832, however, a German consulate was established for the first time in La Valletta. At the beginning the posting happened to be quite often vacant; but from 1845 onwards it was in the hands for 54 years of the Maltese merchant family Ferro (Raphael, Henry Charles and Edward Ferro). When a grandson of Raphael Ferro wanted to continue the family's tradition, the German Ambassador in London did not consider him eligible, because Ferro's company was not flourishing the way it did before.

This was when Baron Maximilian Tucher von Simmelsdorf, a retired Bavarian officer, who lived in Malta due to health reasons, and other candidates lacking, assumed office provisionally. Emperor Wilhelm II appointed von Tucher Consul of La Valletta in January 1900. Rumours have it that the consul during his term of office was also active in the "intelligence service". This is how maps of British military installations and reports of the movements of ships came into the possession of the German government.

Prior to the turn of the century (15-17 November 1898), Emperor Wilhelm II visited Malta for the very first time together with his wife Augusta Victoria coming from Palestina on his yacht "Hohenzollern". As the imperial couple travelled incognito, they were greeted rather moderately by only two torpedo-destroyers. Wilhelm II was very much interested in the British battleships and the docks. From 9 until 12 April 1904 the "Hohenzollern" moored once again in the harbour. The Emperor, who this time travelled on his own while recovering from an illness was greeted by a magnificent reception: 13 battleships as well as several armoured cruisers escorted the yacht to the harbour; the Maltese people watching the spectacle from the Barraca Gardens standing crowded. His Majesty was very impressed by the fleet. "The bearing and manner of the ships and crew both aboard and ashore were for being British exceptionally disciplined and well" he wired to Berlin after his arrival in Malta.

At that time Consul von Tucher wrote a detailed report about his Majesty's visit. According to it there had been one casualty (even though the well-known Spanish knifers on the island, immigrants working on the construction of the groyne in front of the harbour of Valletta had been earlier arrested as a precaution): at night one seaman fell overboard while ferrying across and had never been seen since. The following Sunday, his Majesty read the sermon, which seemed to have touched the Consul considerably. At least this is how it had been reported.

The Maltese people were dissatisified by the course of the imperial visit due to another reason, as shows an anonymous letter to the editor of the Daily Malta Chronicle: "... due to a fault of the responsible authorities [the Maltese] were not able to ... express their thankfulness to Emperor Wilhelm II for the great honour and the privilege which the Emperor had shown by His visit." The Consul as well remarked critically that the Maltese high society, especially the aristocracy had hardly been included and that the programme had been set up without its involvement.

The Emperor's third and last visit took place in May 1909. Wilhelm II and his wife were on their return journey from Corfu and arrived in Malta on their imperial yacht "Hohenzollern" for just one day in order to visit blue-blooded relatives. The Duke of Connaught, the British High Commissioner for the Mediterranean region at that time was the Emperor's uncle. Days before the visit an article appeared in "The Daily Malta Chronicle" about the forthcoming event and the course of the visit was described in full detail. Once again the Maltese people felt it was a great honour to greet the Emperor. At that time, however, nobody suspected that soon they would face each other in World War I, even though Malta was to be spared by the war.

Four years after the end of the war, the Foreign Office strived for the re-establishment of relations to Malta as was requested by German business men. London, of course, had the last say in this. The first candidates for the consulate, first of all the merchant Edgar Arrigo, who also was the Speaker of Parliament of Malta, and later Louis Bianchi, who was a member of the firm "The Mercantile, Shipping & Coaling Company Bianchi & Co." like Arrigo were not acceptable for the British government. The reason for this was obviously a pro-German attitude of the company during World War I. Only after the enemies of Louis Bianchi had died in Malta, the mistrust of the British wore off. The German President Hindenburg was able to appoint him German consul in La Valletta in June 1928.

Due to World War II which was to bring about the second great siege (after that of the Turks in 1565) the relations between Malta and Germany were once again interrupted. Only in 1954 the Consulate could be re-established with the help of Elias Zammit, a director of a company and President of the Federation of Malta Industries. In 1965 after the Independence of Malta, the Embassy of the Federal Republic of Germany was opened.

Prior to that, the German-Maltese Circle was founded in 1962 due to the initiative of Maltese citizens; it became the centre of German-Maltese encounter and is practically-speaking a Goethe Institute on an honorary basis, providing it with teaching and examination licences. In the period following, the establishing of numerous German companies - today over 40 - as well as the friendly invasion of 200.000 German tourists and language students, who today represent the second-largest allocation of tourists, played a major role in the intensification of German-Maltese relations.

Memories of the suffering during World War II do exist but have become history for the Maltese people. Fortunately Maltese people do not have any feelings of resentment towards today's Germans.

1976 marked the beginning of numerous official visits by both sides starting with the visit to Malta by Willy Brandt (Chairman of the SPD); German Minister of Foreign Affairs Hans Dietrich Genscher and Klaus Kinkel also stayed in Malta.

Highlight of travel diplomacy was the official visit of Federal President Richard von Weizsäcker in October 1990 shortly after the reunification of Germany, which in Malta was highly welcomed. H.E. Mr Eddie Fenech Adami, the Prime Minister of Malta, had been one of the first foreign statesmen to walk through the Brandenburger Tor after the fall of the wall. The Federal President took up at least one aspect of the imperial visits: he planted a tree in the park of San Anton Palace as Wilhelm II had done before.

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Helgoland
Dieter Salto


Jeder, der den Bericht über Helgoland gelesen und ein wenig darüber nachgedacht hat, wird sich vielleicht gefragt haben, wie Menschen auf einer so kleinen Insel zusammenleben können; Malteser werden es mit diesem Gedanken leichter haben.

Nun, in dem vorangegangenen Beitrag wurde nur gesagt, dass die Insel bewohnt sei; wenn man nun hinzufügt, dass Helgoland rund 1600 (eintausendsechshundert!) Einwohner zählt, dann wird diese Bevölkerungsdichte auch einen Malteser verblüffen. Zu dieser Einwohnerzahl müssen während der Urlaubszeit von April bis September noch ca. 250 Saisonkräfte gezählt werden. 2000 Betten bieten die Hotels der Insel an und in Spitzenzeiten kommen täglich bis zu 7000 Tagesgäste mit Ausflugsschiffen an. Das sieht dann in den engen Gassen des Oberlandes aus, wie morgens um zehn in der Republic Street in Valletta.

Und trotzdem, auch wenn die Helgoländer unter sich sind, erfordert das Zusammenleben ein Höchstmaß an Ordnung, gegenseitige Rücksichtnahme und Disziplin. Das haben die Helgoländer in all den vielen Jahrhunderten sich selbst anerzogen. Die politische Gemeinde wird von einem hauptamtlichen Bürgermeister (von den Inselbewohnern direkt gewählt) und 13 Abgeordneten verschiedener Parteirichtungen geführt, und dieses Gremium plus weiterer Mitarbeiter hat eine Menge Arbeit. Es müssen öffentliche Einrichtungen auf der kleinen Insel betrieben werden, die kaum vorstellbar sind.- Zur unabhängigen Versorgung mit elektrischer Energie wird ein ölgefeuertes Blockheizkraftwerk modernster Art betrieben; quasi als Abfallprodukt versorgt das Kühlwasser der Generatoren alle Haushalte mit Fernwärme und darüber hinaus hält es das Wasser des Meerwasserschwimmbades auf ständige 27° Temperatur.- Frischwasserquellen gibt es auf der Insel nicht; für tadelloses Trinkwasser sorgt eine Meerwasserentsalzungsanlage.- Für die Abwasserbeseitigung hat die Gemeinde eine aufwendige, biologische Kläranlage erstellen lassen, aus der am Ende des Reinigungsprozesses praktisch trinkbares Wasser austritt, das wiederverwendet wird z.B. für die WC-Spülung. Ausgelegt ist die Abwasserkläranlage für 10000 Menschen. Das alles hat natürlich seinen Preis, und deshalb zahlt der Helgoländer für einen Kubikmeter Frisch-/Abwasser DM 15 (Lm 3). - Das Umweltbewusstsein der Inselbewohner stand schon immer auf sehr hohem Niveau, allein deshalb, weil in früheren Zeiten Fischerei und besonders Hummerfang Haupteinnahmequellen waren, und Hummer gedeihen nun 'mal nur in glasklarem Wasser. So wurde schon immer vermieden, dass Abfälle irgendwelcher Art ins Meer gelangten. Heut ist die Abfallbeseitigung geradezu perfekt. Bereits in den Haushalten/Hotels werden die Abfälle nach Glas, Papier, Plastik, Metall und kompostfähigen Stoffen sortiert; in Plastikbeuteln werden sie auf ein Minimum zusammengepresst und dann zur Weiterverarbeitung per Schiff aufs Festland gebracht. Dafür zahlt ein Dreipersonenhaushalt DM 250 (Lm 50) im Jahr.- Auf Helgoland werden derzeit 146 Schülerinnen und Schüler von 12 Vollzeitlehrkräften bis zur mittleren Reife unterrichtet; wer studieren möchte, muss allerdings eine Universität auf dem Festland besuchen.- Es gibt zwei Kirchengemeinden, die evangelisch-lutherische und die katholische, St. Nikolai und St. Michael; wie gut sich beide Gemeinden verstehen, beweist die Tatsache, dass sie sich den Kirchturm mit Glocke teilen. Auch im Gesundheitswesen sind die Helgoländer gut versorgt. Es gibt zwei praktische Ärzte und einen Zahnarzt für die allgemeine Versorgung und zusätzlich noch eine Klinik mit 50 Betten, die sich schwerpunktmäßig mit gutem Erfolg auch der Heilung von Parkinson-Patienten zuwendet. Selbstverständlich betreut eine Hebamme die Geburtenabteilung.- Was fängt man auf einer so kleinen Insel mit seiner Freizeit an? Der Helgoländer ist von Natur aus sportlich, er muss ja alles zu Fuß erledigen. So hat der Sportverein mit seinen 700 Mitgliedern in allen Abteilungen, Fußball, Handball, Badminton, Tennis, Geräteturnen, großen Zuspruch. Der Wassersportclub, logisch, rund herum nichts als Wasser, hat allein 400 Mitglieder. Er trägt alljährlich zu Pfingsten unter dem Slogen "Nordseewoche" die einzigen Hochseeregatten in Deutschland aus; hier trifft sich alles, was "in der Szene" Rang und Namen hat.- Seit Jahren gibt es auf Helgoland ein weiteres sportliches "Highlight": den Helgoland-Marathon. Man stelle sich vor, 42 Kilometer laufen auf dieser kleinen Insel; die Teilnehmer sind begeistert, 350 waren es 1999, im nächsten Jahr rechnet man mit 500. Also, auf-auf, ihr maltesischen Marathon-Athleten - am zweiten Samstag im Mai - Meldungen werden noch angenommen.

Einen weiteren Anlass zum geselligen Beisammensein bilden die Gesangsvereine. Der Männergesangsverein von 1892 hat sich inzwischen als "Halluner Songers" (friesisch = Helgoländer Sänger) mit seinen Shantys fest etabliert. Sehr stimmgewaltig und professionell geführt sind die nur 14 Mann starken "Karfinken" (Kirchenfinken). Der Chor der evangelischen Kirche ist mit seinen Darbietungen auch außerhalb der Insel bis nach Rom vorgedrungen.-

Wenn im Dezember das Thermometer unter null sinkt und die Tage nur kurz sind, entwickelt Helgoland einen ganz eigenen Charme. Man trifft sich gesellig zum Klönschnack (zwangloses Gespräch) bei heißem Grog oder Teepunsch; man bastelt für Weihnachten; die Volkshochschule bietet manch Wissenswertes oder auch Kurzweil an; wie jeder es mag. Die Adventsgottesdienste sind immer besonders gut besucht. Und langsam "trudeln" die Angehörigen ein, die zum Festland übergesiedelt sind, um mit der Familie zusammen Weihnachten zu feiern. Leider wird diese Idylle unterbrochen durch die "kleine Saison"; ab dem zweiten Weihnachtstag bis über Silvester/Neujahr hinaus kommen Gäste angereist, die diese Einsamkeit, den frischen Wind, das Rauschen der Brandung, den traurigen Schrei eines Seevogels erleben wollen. In diesem Jahr sind besonders viele Anmeldungen eingegangen. Warum nur? Erwartet man vom Jahrtausendwechsel eine besondere Stimmung? Helgoland ist immer schön, jedes Jahre, jeden Tag, jede Stunde, und die Helgoländer sind ein besonderer Menschenschlag, offen, ehrlich, geradeheraus - sonst würde das Zusammenleben auf einer so kleinen Insel auch nicht funktionieren. Ach ja, und dann ist da noch Helgolands Wahrzeichen: die "lange Anna". Entstanden ist der an der Nordspitze der Insel, etwa 40 Meter davon entfernt, freistehende einselne Felsen, dünn wie eine Nadel, 58 Meter hoch, im Jahre 1865. Damals nämlich brach das obere, brückenähnliche Verbindungsstück zur Insel ab und stürzte in die Tiefe. Dieses Gebilde war im Laufe vieler Jahrhunderte oder Jahrtausende durch Auswaschungen am Fuße des Felsens geschaffen worden.- Aber wem erzähle ich das, jeder kennt das "Azur Window" auf Gozo. So, genau so, war es auch auf Helgoland. 

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